26.07.2026
CSD Berlin: Der Anschlag
Der schöne Tag nahm für uns und viele andere Menschen ein abruptes Ende. Als wir auf Höhe des
„Denkmals für die ermordeten Juden Europas“ waren, hörten und sahen wir die ersten Einsatzwagen
der Polizei. Sie rasten mit hoher Geschwindigkeit und Blaulicht sowie Martinshorn Richtung Tiergarten,
hinter den abgesperrten Bereich. Schnell folgten, neben weiteren Polizeifahrzeugen, Rettungswagen
und die Feuerwehr. Direkt gingen Kimi und ich davon aus, dass etwas „Größeres“ passiert sein musste.
Auf dem Weg zur U-Bahn dachten wir nicht an das.
Im Schöneberger Kiez angekommen, kam die erste Ticker-Meldung aufs Handy: Abbruch des CSD
wegen einer schwierigen Situation. Ein Auto soll in eine Menschenmenge gefahren sein.
Laut aktueller Pressemeldungen am heutigen Morgen ist ein Transporter in eine Menschenmenge am
Tiergarten gefahren. Es wird berichtet, dass der oder die Täter mit dem Fahrzeug in die Menschen
hineingefahren ist und gegen einen Baum geprallt sei. Anschließend ist er bzw. sind sie ausgestiegen
und sollen Menschen Stichverletzungen zugefügt haben. In der Nacht wurde ein Verdächtiger
identifiziert und es wird nach ihm gefahndet. Der Anschlag wird der islamistischen Szene zugeordnet.
Bei dieser Tat ist ein Mensch gestorben. Zahlreiche Menschen wurden verletzt, teilweise schweben sie
noch in Lebensgefahr.
Der Ort des Anschlags liegt außerhalb des abgesperrten Bereiches der CSD-Veranstaltung. Ich habe
eine hohe Polizeipräsenz beim Berliner CSD wahrgenommen. Ebenso viele Sicherheitsmaßnahmen,
wie Straßen- und LKW-Sperren. Bereits am Freitag, als wir durch die Stadt gingen, habe ich gesagt,
dass diese Sicherheitsmaßnahmen sich komisch anfühlen. Solche deutlichen Abwehrmaßnahmen
habe ich bisher auf anderen CSD-Veranstaltungen nicht erlebt. Vereinzelt kam Kritik an den
Sicherheitsvorkehrungen auf. Der CSD sei zu schlecht gesichert gewesen. Zum jetzigen Stand kann ich
diese Kritik nicht teilen.
In Schöneberg sind wir in der „Segunda Casa“ eingekehrt und haben etwas getrunken. Dort erreichten
uns die „Breakingnews“ auf dem Smartphone. Schnell machte die schreckliche Nachricht die Runde.
Der lockere Abend nach dem CSD nahm ein Ende. Nach einer kurzen Ansprache gab es eine
Schweigeminute. Bestürzung und die Tränen liefen bei vielen. Ein ähnliches Bild später in der U-Bahn
auf dem Weg in unsere Wohnung.
Bestürzte und geschockte Menschen. Menschen die Weinen. Der CSD ist ein Ort, wo viele queere
Menschen Kraft rausziehen. Der CSD ist eben mehr als nur Party, auch wenn es oftmals anders
aussieht. Queere Menschen erleben in der Community Zusammenhalt. Vor allem bekommen sie ein
positives Feedback von den zahlreichen Menschen am Wegesrand. Denn diese Menschen drücken aus
und sagen „Du bist gut so, wie du bist“. Sie akzeptieren dich und zeigen es dir. Dies ist ein toller Vibe,
den man auf CSDs als queerer Mensch erfährt. Dieser Ort und diese Energiequelle für queere
Menschen wurde gestern Abend angegriffen. Ein Schock und ein Anschlag auf jede*n Einzelne*n.
Am nächsten Samstag werden Kimi und ich wieder auf der Straße sein. Beim CSD in Hamburg werden
wir erneut demonstrieren und uns zeigen. Es wird eine andere Stimmung sein als bis gestern Abend vor
dem Anschlag gedacht. Allerdings lassen wir uns nicht kleinkriegen und stehen für uns und die
Community ein.