Liebe Angehörige, Bekannte, Familie, Freundinnen und Freunde sowie Kolleginnen und Kollegen! Anlass für diesen Text ist das unfreiwillige Coming-Out eines Spielpartners von mir. Gleichzeitig spielt für viele Fetisch- und BDSM-Anhänger das Thema Coming-Out immer wieder eine Rolle. Ich selbst bin überall als schwuler Mann geoutet. Viele Freund*innen von mir wissen über meine Vorliebe für Fetisch und BDSM bescheid. Dies in unterschiedlicher Ausprägung, also wie genau sie informiert sind. Homosexualität ist heutzutage in Deutschland deutlich akzeptierter und es gibt inzwischen eine gesetzliche Gleichstellung in vielen Bereichen. Fetische und Sadomasochismus sind noch nicht so weit gesellschaftlich akzeptiert. Als im Jahr 2012 die Bücher „Shades of Grey“ erschienen, erlangte BDSM ein großes öffentliches Bewusstsein und eine teilweise gesellschaftliche Liberalisierung. Damit einhergehend waren Talk-Shows und Reportagen in den Medien präsent und sorgten für eine Aufklärung der Thematik sowie Akzeptanz. Coming-Out Als Coming-Out bezeichnet man einerseits den inneren Prozess der Bewusstmachung seiner sexuellen Vorlieben, seiner sexuellen Identität und seiner sexuellen Orientierung. Andererseits bezeichnet es das Mitteilen seiner Bewusstwerdung als äußeres Coming-Out. Ein Coming-Out ist immer dann notwendig, wenn sich die eigenen Empfindungen und Vorlieben von der Norm unterscheiden. Sehr bekannt ist dies beim Schwulsein. Gleiches gilt aber auch für sexuelle Vorlieben im Bereich des Sadomasochismus und für Fetische. Ist es für das Coming-Out der eigenen sexuellen Orientierung (z. B. schwul zu sein) wichtig sich anderen zu öffnen, muss dies bei sexuellen Vorlieben nicht der Fall sein. Meine Meinung begründe ich wie folgt: Bin ich nicht als schwuler Mann geoutet oder verheimliche ich dies sogar bewusst, bin ich gezwungen mich zurückzuhalten bzw. zu lügen. Beispielsweise wenn am Arbeitsplatz über Freizeitgestaltung gesprochen wird. Kann man offen erzählen, dass man mit seinem Partner am Wochenende im Kino war, oder wird es verheimlicht bzw. sogar gelogen? Ein weiteres Beispiel gegenüber den Eltern. Erzählt man seiner Mutter offen und ehrlich, dass man sich mit einem anderen Mann für ein erstes Date verabredet hat, oder wird es verheimlicht oder sogar gelogen? Partnerschaft und Liebesbeziehungen sind Themen, über die wir mit der Familie, Freund*innen und Kolleg*innen in der Regel ins Gespräch kommen. Daher ist das Geheimnis der eigenen sexuellen Orientierung eine Belastung für sich selbst, aber auch für die Beziehung zum Gegenüber. Geht es allerdings um sexuelle Vorlieben, dann ist dies ein deutlich privaterer und intimer Teil seiner Persönlichkeit, den man mit seiner Familie, Bekannten und Kolleg*innen eher nicht offen teilt. Entsprechend ist ein Coming-Out seiner sexuellen Vorlieben nicht von so großer Bedeutung in der Beziehung zu Menschen, denen wir uns sehr verbunden fühlen. Sadomasochismus Umgangssprachlich werden verschiedene Vorlieben aus den Bereichen BDSM und Fetisch zum Sadomasochismus gezählt. Allerdings gibt es viele unterschiedliche Ausprägungen und Vorlieben in diesem Bereich, so dass es sich verbietet, über „den“ Sadomasochisten zu sprechen. So wird beispielsweise oft geglaubt, dass BDSM immer etwas mit Schmerzen zu tun hat. Dies ist falsch. Ich selbst kenne viele BDSMler, die keine Vorliebe für Schmerzen haben. Genauso gut trägt nicht jeder Fetischist Latex- oder Lederkleidung. Sexuelle Vorlieben aus den Bereichen des BDSM (engl. Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism; deut. Unfreiheit, Knechtschaft & Disziplin, Zucht, Ausbildung, Herrschaft & Unterwerfung, Sadismus & Masochismus) und Fetischismus gelten seit Jahren nicht mehr als Krankheit bzw. bedürfen keiner Behandlung. BDSM und Fetischismus gelten als eine „normale“ und unschädliche Form seine Sexualität auszuleben. Gewalt, Unterdrückung, Zwang Wenn wir bei der Definition von BDSM lesen, dass es sich um Unfreiheit, Knechtschaft, Zucht und Unterwerfung handelt, stellt sich für viele die Frage, ob beim BDSM jemand zu etwas gezwungen wird, jemandem Gewalt angetan wird und eine Zwangssituation geschaffen wird. Dies ist nicht der Fall. Beim BDSM geht es um ein sexuelles Spiel mit einem festen Anfangspunkt und einem Endpunkt. Und während des sexuellen Spiels gibt es klar gesetzte Regeln, welche im Vorfeld von den Beteiligten festgelegt werden. Ein Mensch, der sich im sexuellen Spiel gerne ausliefert, gedemütigt wird, sich unterordnet, Zwang und Schmerzen erlebt, tut dies freiwillig. Er genießt diese Situationen und findet dies sexuell erregend. Da dieser Mensch sich dieser Situation freiwillig aussetzt und dies als angenehm empfindet, kann nicht von tatsächlicher Gewalt, Unterdrückung und Zwang gesprochen werden. Dieser Mensch kann sich jederzeit aus dieser Situation herausbegeben. Menschen, die im sexuellen Spiel gerne die Macht über einen anderen Menschen haben, Zwang ausübt, jemanden demütigt und erniedrigt sowie Schmerzen zufügt, macht dies ausschließlich in einem sexuellen Spiel, nach vorheriger Erlaubnis und Einwilligung der anderen Person. Da es sich um ein sexuelles Spiel handelt, übt dieser Mensch keine Gewalt aus und handelt gegen den Willen seines Gegenübers. Außerhalb dieses sexuellen Spiels begegnen sich die Menschen auf Augenhöhe und pflegen einen „normalen“ menschlichen Umgang miteinander. Weshalb Menschen so empfinden, und solche sexuellen Vorlieben haben, ist von der Wissenschaft nicht eindeutig erklärbar. Einig sind sich Psychiater, Psychologen und Mediziner, dass dieses sexuelle Verhalten nicht schädlich ist und keiner Behandlung bedarf. BDSM- und Fetisch-Welt – „Milieu“ Für jemanden, der mit BDSM und Fetischismus nichts zu tun hat, ist diese „Welt“ mysteriös. Erfährt man von einem Angehörigen, Freund*in oder Kolleg*in, der BDSM und seinen Fetisch auslebt, macht man sich vielleicht sogar Sorgen und hat Angst um diese Person. Die Ursachen für diese negativen Gedanken entspringen einerseits einer Unwissenheit, weil es bisher keinen Bezug zu BDSM und Fetischismus gab. Andererseits gibt es Vorurteile und falsches Wissen über BDSM und Fetischismus, die beispielsweise durch Medien vermittelt werden. Und natürlich prägen Sorgen und Ängste einen negativen Blick auf BDSM und Fetischismus. Das Anderssein, nicht der Norm zu entsprechen und das Unbekannte selbst führen zu einem negativ beeinflussten Blick auf den Menschen, der sich zu BDSM und Fetischen hingezogen fühlt. Es gibt nicht DIE eine BDSM- und Fetisch-Welt. Es gibt nicht das SM-Milieu. Jeder lebt seine Sexualität so aus, wie er es sich wünscht. Von daher gehört nicht jede*r einer klar definierten Subkultur an. Sexualität wird sehr vielfältig und individuell ausgelebt. „Muss das denn sein?!“ Aus unterschiedlicher Motivation heraus fragen Außenstehende, ob DAS denn sein muss. Ja, das muss sein! Die sexuelle Orientierung und sexuelle Vorlieben sucht man sich nicht aus. Diese sind vorhanden. Und daher kann man sie nicht ablegen, ignorieren oder sogar umerziehen. Menschen, die eine sexuelle Vorliebe für BDSM und Fetischismus haben, werden diese behalten. Unterstützung Der Mensch, von dem man nun weiß, dass er eine sexuelle Vorliebe für BDSM und/oder Fetischismus hat, ist der gleiche Mensch wie vorher. Nur das man nun über einen weiteren Teil seiner Persönlichkeit Bescheid weiß. Kluge Ratschläge, ins Gewissen reden oder Vorwürfe helfen nicht weiter. Das hat nur zur Folge, dass man sich voneinander distanziert, Dinge verheimlicht werden oder sogar Lügen erfunden werden müssen. Viel besser ist es, den Menschen so zu akzeptieren wie er*sie ist. Ändern wird man den Menschen eh nicht können. Gegenüber Ausgrenzung, Diskriminierung und Stigmatisierung sollte man sich für den betroffenen Menschen einsetzen. Um Verständnis für das Thema BDSM und Fetischismus zu erlangen, können Fragen gestellt werden. Wissen schützt am besten vor Vorurteilen. Allerdings sollte man respektieren, dass das Thema Sexualität ein sehr intimes Thema ist. Grenzen der betreffenden Person sollten akzeptiert und berücksichtigt werden. Vielleicht eignen sich allgemeine Fragen zur Thematik besser als konkret zu Fragen, was die Person selbst macht. Internet und Öffentlichkeit Ein Zwangs-Outing findet oftmals statt, weil man über das Internet Informationen zu der betreffenden Person gefunden hat. Das Internet kann Fluch und Segen sein. Wenn man im Internet von einer Person gefunden wird, die einem nichts Gutes will, ist es ein Fluch mit negativen Auswirkungen. Aber das Internet ist eine wichtige Stütze für Menschen mit Vorlieben für BDSM und / oder Fetischen. Einerseits gibt es im Internet wichtige Informationen, die man zum Ausleben seiner sexuellen Vorlieben benötigt. Andererseits bietet das Internet die Möglichkeit mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen und diese kennenzulernen. In der realen Welt ist es schwer einen Menschen mit ähnlichen sexuellen Vorlieben kennenzulernen. Das funktioniert nicht im Supermarkt, in der Disco, im Fitnessstudio oder sonst wo. Dazu benötigt man geschützte Räume, wo man sich mit seinen eigenen Vorlieben präsentieren kann. Dies geschieht heute oftmals virtuell auf entsprechenden Plattformen. Wenn persönliche Informationen aus solchen geschützten virtuellen Räumen nach außen gelangen, ist dies in meinen Augen verwerflich. Dahinter stecken keine ehrbaren Ziele, wenn man mit diesen privaten Informationen an andere herantritt. Teilweise ist dies sogar eine strafbare Handlung. Macht man sich um die betreffende Person Sorgen, sollte man diese vertraulich und ruhig ansprechen.
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zu meinem Blog-Eintrag vom 24.03.2021